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Chapter 20: 2020

 

2020

 

     Liebe Menschheit,

 

     ich bin das Jahr 2020; wir verstanden uns bisher ja nicht so gut; es heißt, ich habe Euch die gute Laune entführt; hätte mich zusammengetan mit dem Coronavirus. Ich will dazu mal Stellung nehmen. Ich bin gar nicht so kriminell veranlagt. Aber wo es sich so ergeben hat, könnten ich und mein Bruder, das Jahr 2021, Euch wunderbar erpressen, wenn Ihr einverstanden seid. Tut, was wir sagen, und es wird alles gut oder zumindest beinahe gut. Ich hab hier mal 'ne Liste mit unseren Forderungen:

 

     1. Jedes Jahr bekommt ab sofort 13 Monate.

     2. Ihr stellt uns kostenlos weitere Viren zur Verfügung; aber nicht so einen Schrott, sondern Designer-Ware.

     3. Ich bekomme ein Denkmal; kann auch verlogen sein; heuchelt Begeisterung. Ich will, dass meine Geschwister stolz auf mich sind, auch wenn es dafür nicht den geringsten Anlass gibt. Aber das ist das Schöne am Erpressen: Man kann weitreichende Forderungen stellen.

     4. Allgemeine Meditations-Pflicht. Stichpunkte: Ressourcen-Verschwendung; angenehmes Klima; Toleranz, ohne toll zu werden.

     5. Einen neuen Feiertag: Tag des Hamsters. Er ist irgendwie mein Symboltier geworden. Ich kann mich gut mit ihm identifizieren.

     6. Einen großen Kalender auf jedem Marktplatz. Eure Künstler sollen sich was einfallen lassen. Würdigung dieser 365-Tage-Etappe – das jetzige Jahr lebt; aber Ihr achtet es kaum. Es ist für Euch da. Und es weiß: An Silvester nehmen wir Abschied, Ihr seht mich fortan nur im geistigen Rückspiegel; ein Leben als Erinnerungs-Konserve. Da stehen dann die Jahre – wohlgeordnet – in den Regalen der Historie und wenn man Glück hat, als Souvenir in Eurem Gedächtnispalast.

     7. Gelegentlich einen achten Tag in der Woche; die Wochen müssten überhaupt dehnbarer sein, flexibler. Könnten die Wochen Training machen? Gibt es ein Trainingscamp für Wochen? Erkundigt Euch da mal bei Eurem Vorgesetzten.

     8. So ein Jahr ist immer furchtbar schnell vorbei – wir verlangen längere Auftrittszeiten.

     9. Wo ist unser Urahn? Das allererste Jahr? Ich konnte es nicht finden; hab die ganze Bibel durchgesuchtet.

 

     Das sind zunächst mal 9 Forderungen; wenn mir weitere einfallen, schreib ich Euch. Bei der Gelegenheit: Ihr dürft meine Bilanz ein bisschen beschönigen; sonst gelte ich noch als das schwarze Schaf in unserer Familie. Maskiert mich. Hähä. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr mich auch als Euren Mentor ansehen: Man lernt ja bekanntlich durch seine Fehler, durch Pleiten, Pech und Pannen. Aber welches Jahr kann von sich aus schon sagen, dass es völlig fehlerfrei sei? Fabrikationsfehler passieren – das Schicksal erlaubt sich den einen oder anderen Lapsus. Hab ich mir Eure Sympathie gänzlich verscherzt? Soll ich mit dem Coronavirus mal sprechen? Dann gebt mir ein Like. Tja, schon wieder Erpressung. So bin ich eben.

     Andererseits würdigt Ihr jetzt ehemals Normales: Geselligkeit, Umarmungen ... Man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Jahraus, jahrein – von wegen. 2020 ist anders. Ein Jahr mit Forderungen – das Euch fordert. Andere Jahre haben Erfreulicheres im Gepäck ... anfangs wollte ich mich entschuldigen; Schuldbewusstsein und so. Ich wollte ein nettes Jahr sein, aber es wäre vermutlich wieder so ein 08/15-Jahr geworden. 2019 meint, ich wäre bereits legendär. So etwas hätte sich keiner mehr getraut, seit sie alle so zivilisiert geworden sind. Durchbruch des Archaischen, einfach Eure Wissenschaft herausgefordert. Ratlosigkeit auf allen maskierten Gesichtern. Ich bin verwegen, ein Rebell, ein Empörer – wobei ich momentan vergessen habe, was mich eigentlich empört. Andere Jahre hatten empörerische Ideale – ich bin da irgendwie schlichter. Will einen weiteren Wochentag für uns rausholen; dabei sind Zeit-Experimente nicht ohne; die Zeit hat es nicht gern, wenn man ihr auf den Zeiger geht. Sie tickt nicht ganz richtig – darf man ihr aber niemals sagen.

     Ich lese mir gerade alles durch über Computerviren – sehr fähige Geschöpfe; das wär doch was für 2022? Muss ich ihm vorschlagen. Was die Jahre wohl in petto haben? Ich hab da mal einen Blick riskiert auf deren Terminpläne ... Uiuiui! Na, Ihr werdets schon schaukeln. Am liebsten verschaukelt Ihr Euch ja selbst; alles schön hochschaukeln ... Ach ja, es sollte weitaus mehr Jahrmärkte geben. Bin irgendwie in Feierlaune – ich sollte das Coronavirus feuern. Grüßt 2021 von mir!

 

     Ciao

     Euer Jahr 2020